Reformation als Bewegung und Veränderung in Kirche und Staat 

Tagung 

Kirche und Staat im 20. und übergehenden 21. Jahrhundert

Torgau/Elbe, 19. und 20. Mai 2017
Ort: Torgau, Schloss Hartenfels, Plenarsaal, Flügel D (Innenhof), 2. Etage



Zusammenfassungen der Tagungsvorträge

 


 

Prof. Dr. Reiner Groß
Von der konstitutionellen Monarchie zur repräsentativen Demokratie - Staat und Kirche in Sachsen im 20. Jahrhundert
Das 20. Jahrhundert brachte für die sächsische Bevölkerung, so wie das 19. Jahrhundert auch, grundlegende Veränderungen in Staat und Gesellschaft. Zwei Weltkriege innerhalb eines halben Jahrhunderts mit hunderttausenden Toten und Verwundeten sowie enormen materiellen Verlusten, der Übergang von der konstitutionellen Monarchie zu parlamentarisch-demokratischen Verhältnissen mit dem Verzicht des albertinischen Wettiners Friedrich August III. auf den sächsischen Königsthron am 13. November 1918, die zwölf Jahre nationalsozialistischer Diktatur vom 30. Januar 1933 bis zum 8. Mai 1945, die Spaltung Deutschlands und seine territoriale Verkleinerung vor allem in den östlichen Teilen des Deutschen Reiches mit katastrophalen Folgen für die Menschen und die wirtschaftlichen Verhältnisse, die schrittweise Errichtung der Diktatur des Proletariats nach sowjetischem Vorbild und die Beseitigung des Landes Sachsen im August 1952, die in Sachsen ihren Anfang nehmende friedliche Revolution im Herbst 1989 mit dem sich daran anschließenden Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland und die Wiedererrichtung des Freistaates Sachsen am 3. Oktober 1990 waren die die Menschen in Sachsen prägenden und das tägliche Leben tief beeinflussenden Entwicklungen und Ereignisse. Das Alles kann in dem Vortrag nicht ausführlich behandelt werden. Es muß auf die umfangreich vorliegenden Veröffentlichungen verwiesen werden. Der Vortrag behandelt im Wesentlichen nur die verfassungsrechtlichen Fragen und die von der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung beeinflussten kirchlichen Verhältnisse in ihren Grundzügen.

 


 

Dr. Martin Treu
Luther – der Fürstenknecht?!
Zu den Vorwürfen, die Martin Luther im Zusammenhang mit dem 500. Jubiläum der Reformation immer wieder gemacht werden, gehören neben Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit auch seine angebliche Untertanenhörigkeit.
Kaum ein anderer Ort als Torgau, der Residenz der sächsischen Fürsten, ist so geeignet, der Frage nachzugehen, inwieweit die Kritik an Luthers Politik- und Gesellschaftsverständnis berechtigt ist. Gleichzeitig fällt auf, dass im Rahmen des Luthergedenkens zwar viel über den Reformator geredet wird, er selbst aber kaum zu Wort kommt. Deswegen befasst sich der Vortrag konkret mit Briefen Luthers an seinen Landesherren Friedrich III., an seinen prominenten Gegner den Kardinal Albrecht von Mainz und an den Herrscher seines Geburtsort, den Grafen Albrecht von Mansfeld. Dabei ist zu zeigen, dass Luther nicht nur seine fürstlichen Gegner hart angeht, sondern auch seine Gönner und Beschützer.
Diese Texte werden in den Kontext von Luthers Zeit eingeordnet, um heutige Anachronismen zu vermeiden. Gleichzeitig bildet die detailgenaue Erörterung von Luthers Haltung im Bauernkrieg 1525 eine Möglichkeit des Ausblicks auf die Frage von Politik und Gewalt in der Gegenwart.

 


 

Prof. Dr. Athina Lexutt
Welchen Luther brauchen Kirche und Staat im 21. Jahrhundert?
Im Zuge des Reformationsjubiläums wird Martin Luther auf vielfältige Weise in den Mittelpunkt gerückt. Er muss für viele Devotionalien herhalten, er wird medial vermarktet, seine Biographie rückt intensiv ins öffentliche Interesse, seine Schattenseiten werden ans Licht geholt. Der Mensch Martin verdrängt den Theologen Luther, die historischen Elemente der reformatorischen Bewegungen genießen weit mehr Aufmerksamkeit als das Reformatorische der Theologie. Soll das Jubiläumsjahr aber über 2017 hinaus eine Bedeutung haben und erwartet man sich Anregungen und Anstöße nach vorn aus dem Blick zurück, dann reicht die historische Aufarbeitung nicht. Dann gilt es, sich das zu vergegenwärtigen, was die Reformation inhaltlich ausmacht und was über das 16. Jahrhundert hinaus auch in den gegenwärtigen Herausforderungen Geltung beanspruchen kann. Was Staat und Kirche, Gesellschaft und Gemeinde von Luther im 21. Jahrhundert lernen und im gegenseitigen Gespräch fruchtbringend einsetzen können, will der Vortrag über ein neues Wort anschaulich machen: reformativ. Zum Reformativ-Sein gehören Elemente wie Freiheit, Rechtfertigung, Anfechtung, Mut, Toleranz, Orientierung usw. In diesem Sinne plädiert der Vortrag dafür, im 21. Jahrhundert reformativ zu sein, um die Antworten Luthers und anderer Reformatoren, die sie auf die Fragen ihrer Zeit gegeben haben, heute neu in eine Sprache zu bringen, die christliche Glaubensinhalte auch in eine Situation vermitteln kann, die aus guten Gründen Staat und Kirche trennt und im Blick auf Religion ziemlich sprachlos geworden ist.

 


 

Prof. Dr. Werner Patzelt
Religion und Politik, Kirche und Staat vor neuen Herausforderungen: Die Rückkehr von Religiosität in eine religionsfreie Gesellschaft?
Lange Zeit galt das „Problem“ als gelöst, Religion und Politik möglichst spannungsfrei aufeinander zu beziehen. Einesteils ließ sich die als „Kirche“ organisierte christliche Religion über bewährte Rechtsformen in ein klares Verhältnis zum Staat setzen (von der Staatskirche über ein partnerschaftliches Kirche/Staat-Verhältnis bis hin zum Laizismus). Andernteils entzog die – mit allgemeiner „Säkularisierung“ einhergehende – Privatisierung des Religiösen ohnehin viele Reibungsstellen zwischen Politik und Religion, ließ also religiöse Gestaltungswünsche im breiten Strom ganz legitimer, auch dissentierender Vielfalt aufgehen.
Diese Domestizierung und Entöffentlichung von Religion wird nun brüchig.
Erstens trägt dazu die Ausbreitung des Islams im weithin allenfalls noch fassadenhaft christlichen Europa bei. Weder ist diese Religion nämlich kirchenartig verfasst (d.h. mit Religionsführern, die als intern handlungsfähige Gegenüber des Staates auftreten könnten) noch hat sie eine sie prägende Tradition des für Europa so typischen Dualismus von Religion und Politik (was vielen Muslimen eine Beschränkung von Religion auf das Privatleben unplausibel macht).
Zweitens öffnet sich für neue Religionen in Europa freier Raum. Einesteils ist Religionskritik dort traditionell Kritik am Christentum, was diese Religion in eine weit verbreitete Defensivhaltung gegenüber dem jeweiligen kulturellen Komment gebracht hat. Andernteils legen europäische Politikprinzipien wie Liberalität und Pluralität gegenüber einer neu sich ausbreitenden Religion in erster Linie Aufgeschlossenheit und wohlwollendes Abwarten nahe, nicht aber eine Problematisierung möglicher Folgen einer wachsenden Popularität.
Diese Entwicklungen legen Zweifel an der fortdauernden Stimmigkeit bisheriger religions-politischer Selbstverständlichkeiten nahe. Solche Zweifel zu formulieren, führt aber noch lange nicht zu neuer Orientierung. Diese Unsicherheit muss eben ausgehalten werden – ohne sie freilich als unüberwindbaren Dauerzustand einzuschätzen.

 


 

Dr. Claus Scharf
Der gesamtdeutsche Protestantismus im gespaltenen Deutschland
Staat, Gesellschaftssystem und Kirche in der DDR im Spiegel der öffentlichen Verlautbarungen der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland 1945–1961
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wurde im August 1945 gegründet und verstand sich als ein gesamtdeutscher Kirchenbund lutherischer, unierter und reformierter Landeskirchen. Die führenden Persönlichkeiten der Gründer waren geprägt von der obrigkeitsstaatlichen Tradition des deutschen Protestantismus. Dennoch hatten sie im nationalsozialistischen Deutschen Reich überwiegend zur Bekennenden Kirche gefunden und bekannten sich nach dem Kriegsende zur Mitschuld der Christen Deutschlands an den Verbrechen des Hitlerregimes.
Der Beitrag basiert nicht auf Archivforschungen, sondern verfolgt auf der Basis allein der öffentlichen Äußerungen der Synode der EKD, welche Haltung dieses gesamtdeutsche „Kirchenparlament“ mit Mitgliedern aus Ost und West und mit den Erfahrungen des Kirchenkampfes unter der NS-Herrschaft zur politischen und sozialen Entwicklung in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR einnahm. Obwohl die Synode auch kritisiert hatte, dass die Landeskirchen und Gemeinden des Ostens schon in der Besatzungszeit durch Enteignungen kirchlicher Anstalten, durch wirtschaftliche Benachteiligungen, Einschränkungen der kirchlichen Vereine und andere behördliche Maßnahmen auf den gottesdienstlichen Bereich eingeengt worden waren, nahmen die Konflikte zwischen Staat und Kirche dramatisch zu, als die SED 1952 den Aufbau des Sozialismus in der DDR zum Programm erhob und eine atheistische Erziehung und die verpflichtende Jugendweihe durchsetzte. Überwiegend beriefen sich die Synodalen in dieser Phase noch auf die Verfassung der DDR von 1949, in der Grund- und Bürgerrechte ebenso verankert waren wie Privilegien für die Religionsgemeinschaften. Doch zunehmend ging es nicht mehr allein um die institutionellen Beschränkungen für die Kirche, sondern um die Frage, wie christliches Leben unter dem Druck des Staates in der DDR noch möglich war.
Hatte die EKD sich noch lange als eine Klammer zwischen den beiden deutschen Staaten verstanden und sich auch zum Ziel der Einheit Deutschlands bekannt, so waren der Beitritt der Bundesrepublik zur NATO und der Militärseelsorgevertrag für die Bundeswehr 1955 für die DDR willkommene Anlässe, die evangelischen Kirchen auf ihrem Staatsgebiet aus der EKD herauszulösen. Letztlich bedeuteten die Beschränkungen des Reiseverkehrs zwischen Ost und West und dann 1961 der Bau der Berliner Mauer und die Befestigungen der innerdeutschen Grenze weitere Schritte auf dem Wege zu einem physischen Ende der gesamtdeutschen evangelischen Kirche. „Die Kirchen überschätzten ihre Kraft“, formulierte der Leipziger Kirchenhistoriker Kurt Nowak im Rückblick. Auch als sich der separate Kir¬chenbund, der 1969 in der DDR entstanden war, dann 1990/91 wieder in die EKD integrierte, folgte die kirchliche Entwicklung wiederum der politischen.

 


 

Prof. D. Dr. Wolf Krötke
Kirche und Staat in der DDR und in der Bundesrepublik Deutschland heute
Der Vortrag geht von der strengen Unterscheidung zwischen Staat („Obrigkeit“) und Kirche aus, die Martin Luther eingeschärft hat. Er unterstreicht die grundsätzlich staatsbejahende Haltung einer reformatorischen Kirche, macht aber zugleich die Problematik bewusst, die mit der Übertragung von bischöflichen Aufgaben an die Landesfürsten in der Reformationszeit verbunden war. Es entstand eine „Staatskirche“, die erst mit der Weimarer Republik ihr Ende fand. Die Verfassung dieser Republik hielt fest: „Es besteht keine Staatskirche“. Sie vollzog jedoch nur eine „hinkende Trennung“ von Staat und Kirche, weil der Staat der Kirche Unterstützung bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben als einer über das ganze Land verbreiteten Flächenkirche zusagte.
Nach dem Ende der Naziherrschaft, während der sich die Evangelische Kirche dem Eindringen der nationalsozialistischen Ideologie und Machtausübung in ihr Leben zu erwehren hatte, knüpften beide deutsche Staaten 1949 wieder an die Staat-Kirche-Regelungen der Weimarer Republik an. Die DDR jedoch war ein atheistischer Weltanschauungsstaat, der sich an diese Regelungen nicht hielt und sie 1968 mit einer neuen Verfassung außer Kraft setzte.
Der Vortrag stellt die Unterdrückung der Kirche durch die SED dar, schildert den theologischen Streit um die Frage, ob dieser Staat als von Gott gewollte „Obrigkeit“ zu bewerten sei und erklärt, wie schließlich die Formel von der „Kirche im Sozialismus“ von staatlicher und kirchlicher Seite verstanden wurde. Es würdigt die Rolle der Evangelischen Kirche bei der „friedlichen Revolution“ von 1989, bei der diese Kirche zum ersten Mal in ihrer Geschichte ihre Obrigkeitshörigkeit abschüttelte und sich das Anliegen freier Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger eines Staates zu Eigen machte.
Heute ist die Evangelische Kirche in Deutschland eine verlässliche Vertreterin eines demokratischen Staatsverständnisses. Innerhalb der pluralistischen Gesellschaft, deren systemische Struktur der Vortrag darstellt, nimmt sie – im Dialog mit anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften – die Funktion war, humanitäre Gesinnungen in der Bevölkerung zu befördern, ohne die eine Demokratie nicht lebensfähig ist. Die staatliche Unterstützung der Kirche beim Einzug der Kirchensteuer, bei der Militärseelsorge, beim Religionsunterricht, beim Unterhalt Theologischer Fakultäten, bei der Finanzierung der Diakonie und kultureller Aufgaben ist jedoch in der pluralistischen Gesellschaft nicht unumstritten. Der Vortrag mündet in theologische Überlegungen ein, wie eine reformatorische Kirche mit diesem Sachverhalt umzugehen hat.

 


 

Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll
Konservativismus in Deutschland nach 1945. Probleme und Perspektiven
Der Vortrag „Konservativismus in Deutschland nach 1945. Probleme und Perspektiven“ widmet sich einem derzeit aktuellen Fragenkomplex: Was ist heute konservativ? Ein erster Vortragsteil behandelt die mannigfachen Hindernisse, die einer genuin konservativen Einstellung in den Jahrzehnten nach 1945 entgegenstanden, und zwar in West und Ost gleichermaßen. Ein zweiter Vortragsteil verfolgt im Rahmen einer historischen Spurensuche die traditionellen Grundanliegen konservativen Denkens im 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ein dritter Vortragsteil präsentiert überzeitliche Konstanten des Konservativismus, die der heutigen politisch-gesellschaftlichen Diskussion des Themas Impulse und Denkanstöße vermitteln könnten.


 

 

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